Famulaturbericht vom 25.01.2016 in Indien

2015: Indien

Famulaturbericht Bastian Rox – Padhar Hospital, Madhya Pradesh, Indien


Nach dem 8. Semester hatte ich die Möglichkeit zusammen mit meinem Kommilitonen Maximilian Vollmer eine Famulatur in Indien zu absolvieren. Da eine Kommilitonin zwei Semester über uns schon in Indien gewesen war, konnten wir über sie schnell den Kontakt zum Padhar Hospital im Bundesstaat Madhya Pradesh, Indien herstellen und mit der zugesandten Bestätigung des Krankenhauses unseren Zuschuss beim ZAD beantragen.
Das Padhar Hospital ist ein kleines Missionskrankenhaus, welches von christlichen indischen Ärzten geführt und aus Deutschland vom Verein „Friends of Padhar e.V.“ und Prof. Dr. Thomas Kreusch aus Hamburg unterstützt wird. Es liegt ziemlich zentral in Indien im Bundesstaat Madhya Pradesh zwischen den größeren Städten Bhopal und Nagpur.

Für mich war das Krankenhaus insofern interessant, als dass es ein kleines Dental Department mit 2 Behandlungseinheiten hat und vor allem auch für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgische Eingriffe (MKG) bekannt ist. Einmal im Jahr findet zudem ein Lippen-Kiefer-Gaumenspalten-„Camp“ statt bei dem Prof. Dr. Kreutsch mit seinem Team eine Woche lang gratis LKG-Spalten operiert.
Nachdem wir unseren Flug nach Indien gebucht hatten, begannen wir verschiedene Dentalfirmen und –depots in Deutschland zu kontaktieren um Materialspenden mit nach Indien nehmen zu können. Erfreulicherweise kam dabei nach einiger Zeit auch einiges zusammen, sodass wir zwischendurch Sorgen hatten, das alles in unserem Gepäck unterzubringen.
Direkt nach Semesterende ging es dann schon los.


Nach unserer Ankunft in Mumbai und einer ersten Übernachtung im feuchtwarmen Klima Indien zur Monsunzeit, ging es für uns am Dienstag per Inlandsflug weiter nach Nagpur, wo uns ein Fahrer vom Krankenhaus erwartete. Schnell wurde klar, dass die angekündigte Fahrzeit von 2 Stunden nicht eingehalten wird, da wir unterwegs noch allerlei Besorgungen für das Krankenhaus machen mussten. So hatten wir aber die Möglichkeit an der einen oder anderen Stelle einen Chai, den typischen indischen Tee mit Milch und reichlich Zucker zu trinken, den wir bei der frühmorgendlichen Taxifahrt durch Mumbai zum Flughafen noch verschlafen abgelehnt hatten.

So kamen wir also erst nachmittags in Padhar an. Padhar ist ein kleines Dorf mit ein paar Hundert Einwohnern, wovon ein Großteil Ärzte und Ärztinnen, Krankenpfleger/innen oder andere Angestellte des Krankenhauses sind. Die Patienten wiederum kommen durchaus von weiter her.

Wir waren für die Zeit im Padhar Hospital im Guesthouse des Krankenhauses untergebracht. Dort trafen wir bei Ankunft noch zwei Medizinstudenten, Ian aus Australien und Tom aus England, die schon ein paar Wochen in Padhar waren. Zudem wohnen im Guesthouse vier indische Medizinstudentinnen. Zwei Frauen Dolawhri und Rekebai kochen jeden Tag für alle, die im Guesthouse wohnen, sodass wir dreimal am Tag super leckeres indisches Essen genießen konnten.

Mittwochmorgen ging es dann also richtig los für uns. Nach einem kurzen Abstecher in Dental Department, wo morgens noch nicht viel los war, wurden wir mit auf die Visite geschickt. Erst dabei wurde mir klar, wie groß das Krankenhaus eigentlich ist. Von der chirurgischen Station ging es auf die Kinderstation, dann auf die Intensivstation und auf eine spezielle Station, wo nur die Kinder liegen, die Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten (LKG-Spalten) haben.
Station bedeutet dabei ein großer Saal mit ca. 20 Betten und einer Menge Ventilatoren an der Decke um die Hitze aushaltbar zu machen. Die Visite wurde von Dr. Rajiv Choudhrie, plastischer Chirurg und so etwas wie dem Chefarzt, seinem Bruder Dr. Ashish Choudhrie (Urologe), und Dr. Anoush durchgeführt. Schon bei der ersten Visite wurde uns klar, dass in Padhar sehr viele Tumoren im Mund- und Kopfbereich operiert werden und auch viele Familien mit ihren Kindern von weit her kommen um LKG-Spalten operieren zu lassen. Dr. Ashish erklärte uns, dass viele Menschen in Indien Tabak kauen und es daher oft zu Tumoren im Mundbereich kommt.



Nach der Visite wies uns Ashish an ihm zu folgen und plötzlich standen wir in der OP-Umkleide und es ging los, der ersten LKG-Spalten-OP beizuwohnen. Von Anfang an hatten wir die Möglichkeit direkt am Tisch mit zu assistieren und so gute Einblicke in die MKG-Chirurgie zu erhalten. Nach der ersten OP ging es direkt weiter. Ein großer submentaler Tumor wurde entfernt und mittels Pectoralislappen gedeckt. Zudem wurde eine neck dissection durchgeführt. Hierbei fragte uns Dr. Rajiv mal eben die Anatomie des Halses mit den dort verlaufenden Gefäßen und Nerven ab, wobei wir etwas in Straucheln gerieten und uns vornahmen, dies abends noch mal etwas nachzulesen. Die nächsten Tage gingen ähnlich weiter, sodass wir eigentlich jeden Tag im OP waren und am zweiten Tag dann schon nähen durften. Wenn wir nicht im OP waren, verbrachten wir die Zeit beim Zahnarzt, Dr. Anshul. Allerdings gab es hier nicht wirklich viel zu tun. Es kommen pro Tag 4-6 Patienten. Diese wenigen Patienten durften wir dann eigentlich immer behandeln, sofern wir gerade vor Ort waren. Meistens kommen die Menschen hier allerdings erst, wenn die Zähne schon wirklich stark zerstört sind. Deshalb durften wir also allein in den ersten 3 Tagen an die 14 Zähne ziehen. Füllungen werden eher selten gemacht, sodass wir insgesamt in der ganzen Zeit nur eine Füllung gemacht haben. Hierbei mussten wir den Zahnarzt allerdings überzeugen, dass unserer Meinung nach eine Kompositfüllung doch besser wäre als Glasionomerzement oder gar ZOP.

Insgesamt fiel uns auf, dass Dr. Anshul zwar von der Uni viel theoretisches Wissen besitzt. Trotz besseren Wissens oder auch mangels Material wird allerdings oft auf gewisse Schritte, zum Beispiel Kürettage nach einer Extraktion oder Sealer bei den Wurzelkanalfüllungen verzichtet.


Nach dieser interessanten ersten Woche schlossen wir uns spontan Ian und Tom an, die einen Ausflug in nahegelegene Pachmarhi geplant hatten. Luftlinie ist die kleine Stadt, die Ausgangspunkt für Ausflüge in den umliegenden Nationalpark ist, ca. 150km entfernt. Bei den indischen Straßenverhältnissen und den vielen Serpentinen den Berg hinauf wurden daraus eine 6,5 stündige Autofahrt mit allerlei gewagten Überholmanövern unseres Fahrers und einigen Beinahecrashs mit auf der Straße umherlaufenden Kühen, die im indischen Straßenbild so alltäglich sind. So konnten wir den Nationalpark mit Wasserfällen und allerlei Shiva-Tempeln besuchen auch wenn wir dort zu Maxis Enttäuschung weder einen der 42 Tiger noch Leoparden sahen.
In der zweiten Woche waren insgesamt deutlich weniger Patienten im Krankenhaus, da die ganze Zeit über ein heftiger Monsun über der Region hing und daher viele Straßen über- oder unterspült waren. Gerade auch die Menschen, die weiter abseits wohnen und zu Fuß zur Klinik kommen, kamen bei solchem Wetter verständlicherweise nicht. Deshalb kam es in der Woche vor, dass wir oft nur morgens im Krankenhaus waren, an der Visite und den OPs teilnahmen, danach aber schon am frühen Nachmittag nach Hause gingen.

Das erste Mal sah ich zudem auch etwas anderes eine Tumor- oder LKG-Spalten-OP im Kopfbereich, da aufgrund der starken Regenfälle einige Verletzte von Motorradunfällen behandelt werden mussten. Da es in Indien nicht üblich ist, einen Motorradhelm zu tragen, kann man sich vorstellen, dass das Gesicht bei Unfällen relativ häufig in Mitleidenschaft gezogen wird. Ich war trotzdem überrascht, wie glimpflich es meistens ausging.
Wir lernten zudem noch einen weiteren Arzt, Dr. Manoj, den eigentlichen MKG-Chirurg sowie seine Frau Dr. Jini, die zweite Zahnärztin kennen. Auch in dieser Woche gab es wieder zwei sogenannte Commando-OPs, also große Tumorresektionen im Kieferbereich, bei denen zum Teil die halbe Mandibula oder Maxilla mit Orbitaboden entfernt wurde und wir wiederum ganz selbstverständlich das ganze am Ende wieder zusammennähen durften. So lernten wir weitere Lappentechniken kennen.
Sehr erschütternd fand ich, dass bei solchen Tumorpatienten auch bei großem Knochenverlust eigentlich nur mit Weichgewebe gedeckt wurde, sodass zum Beispiel der Patient mit dem entfernten Orbitaboden danach starke Doppelbilder sah. Dr. Rajiv erklärte uns, dass die Tumoren oft so stark fortgeschritten sind, dass zunächst einmal reseziert werde und die knöcherne und teure Rekonstruktion frühestens nach einem Jahr durchgeführt würde, vorausgesetzt der Patient lebe dann noch… Die Frage, wie oft das denn vorkommt, wurde mit einem trockenen „not very often“ kommentiert.
Aufgrund der starken Regenfälle kam es auch immer wieder zu Stromausfällen. Das Krankenhaus verfügt allerdings über Notstromaggregate, welche auch immer zuverlässig ansprangen und so nach kurzer Unterbrechung im OP weitergearbeitet werden konnte. Leider wurde die Klimaanlage dann nicht mehr verwendet, sodass es in kurzer Zeit ziemlich heiß wurde.
Abends nach der Arbeit gibt es in einem kleinen Dorf wie Padhar leider nicht allzu viel zu tun. Wir spielten also entweder Karten im Guesthouse oder gingen auch mal in der Sporthalle der Schule Badminton spielen. Zudem gibt es außerhalb von Padhar einen kleinen Damm mit einem Stausee für die Bewässerung der Felder im Sommer. Der Weg dahin führt durch die Felder. Auf dem Weg zum Damm lernten wir Juko kennen. Sie ist so etwas wie die Haushälterin von Dr. Rajiv und spricht daher sehr gut Englisch. Sie ist gleichzeitig eine der herzlichsten Personen, die ich hier kennengelernt habe. Sie Wohnt außerhalb von Padhar mit ihrer Familie in einem kleinen Lehmhaus. Da wir auf dem Weg zum Damm immer dort vorbei kamen, lud sie uns immer wieder zu sich nach Hause ein, wir mussten uns in ihr Gästebuch eintragen und sie ließ uns auch nicht gehen bevor nicht jeder mindestens zwei Tassen ihres leckeren Tees getrunken hatte.
Die nachfolgende Woche wurden im OP leider nicht so viele MKG-Operationen wie zuvor durchgeführt, sodass wir eben Einblicke in andere Bereiche bekamen und zum Beispiel bei einem Kaiserschnitt zuschauen durften und mehrere Thyreoidektomien sahen. Erst gegen Ende der Woche wurden es wieder mehr Operationen im Kopf-Hals-Bereich bei denen uns Manoj immer wieder die dortige Anatomie abfragte.

In der folgenden Woche konnte ich dann zudem das erste Mal auch bei einer Rekonstruktion mitoperieren. Ich persönlich fand das sehr schön, weil ich das erste Mal auch gesehen habe, dass ein Patient sich wirklich wieder sehr gut von einer großen Tumoroperation erholt hatte. Die junge Frau (22 Jahre) war 5 Jahre zuvor operiert worden und dabei war die komplette linke Gesichtsmuskulatur in der Nerven entfernt worden. Nun musste der Nervus Facialis im Felsenbein freigelegt werden und dann mit dem Nerv eines freien Lappens verbunden werden. Ich habe in Deutschland noch nie selbst eine solche Operation gesehen und fand es daher sehr interessant. Auch hat sich mir gezeigt, dass das Krankenhaus dank Spenden wirklich gut ausgestattet ist und zum Beispiel auch ein OP-Mikroskop für mikrochirurgische Eingriffe hat.



Für die letzte Woche in Padhar hatten wir ein Camp in der örtlichen Schule geplant. Da sich unter unseren Spenden auch an die 70 Zahnbürsten befanden, wollten wir mit den Schülern lernen, warum man Zähne putzt, wie man das richtig macht und was passiert, wenn man seine Zähne einfach nicht putzt. Wir gingen also von Klasse zu Klasse und erklärten erstmal etwas über den Aufbau von Zähnen, über Karies und welche Lebensmittel gut oder schlecht für die Zähne sind. Zudem wollten wir wissen, wie und wie oft die Kinder bisher ihre Zähne putzen. Danach haben wir dann alle zusammen geübt, wie man sich richtig die Zähne putzt. Gerade die jüngeren Schüler hatten sichtlich Spaß daran, während die älteren schon etwas zu cool dafür waren und eher nicht so gut mitmachen wollten.
Sehr witzig war dabei als in einer der Klassen ein paar Schüler aus einer anderen Klasse kamen und Bonbons verteilten. Da konnten wir schlecht nein sagen, haben dann aber direkt darüber reden können, dass wir uns später auf jeden Fall die Zähne putzen müssen :).

Ich kann eine Famulatur in den klinischen Semestern nur empfehlen. Sicherlich muss man sich auf ganz andere Verhältnisse einstellen und sich gut vor Augen führen, dass viele der in anderen Ländern „gelernten“ Techniken sicher nicht in Deutschland angewendet werden können. Uns brachte jedoch gerade der intensive Einblick in die MKG-Chirurgie und die Wiederholung der Anatomie viel für den im nächsten Semester folgenden OP2-Kurs. Wenn man an Chirurgie nicht wirklich interessiert ist, würde ich mir einen anderen Famulaturplatz als Padhar suchen, für Chirurgie-Interessierte ist Padhar super, weil man große Bandbreite an MKG-Eingriffen sieht.


Bastian Rox, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Bei Fragen gerne eine Mail an Bastian.Rox@googlemail.com.