Famulaturbericht vom 08.10.2018 in Uganda

2018: Uganda

Von: Pia Saßmannshausen, Dana Janßen, Sarah Kobek und Joséfine Kaufner (Uni Bonn)
Organisation: Dental Volunteers e.V.
Zeitraum: 20.02.2018 - 24.03.2018

„Lachen reinigt die Zähne“ – Sprichwort aus Afrika

Wir - Pia, Dana, Sarah und Joséfine – vier Zahnmedizinstudentinnen aus Bonn, hatten schon länger den Wunsch während des Studiums für ein paar Wochen ins Ausland zu gehen, um dort eine andere Sicht auf die zahnärztliche Welt zu gewinnen. Über ein Jahr zuvor begannen wir mit der Vorbereitung und Planung unserer Auslandsfamulatur, die wir nach unserem zweiten klinischen Behandlungskurs absolvieren wollten. Nach einigen Bewerbungen, bekamen wir dann vom Verein „Dental Volunteers“ eine positive Rückmeldung für eine Famulatur in Uganda. Nach unserer Zusage galt es nun Förderungen zu beantragen, Spenden anzufordern, Impfungen aufzufrischen, Flug und Visum zu beantragen, die Familie zu beruhigen und nebenbei unser Semester zu Ende zu studieren. Dank vieler dental volunteers in den Jahren zuvor war schon ein Kontingent an Materialien und Instrumenten in Uganda verfügbar, sodass wir uns hauptsächlich um Verbrauchsmaterial kümmern mussten. An dieser Stelle bereits ein riesiges Dankeschön an alle uns unterstützenden
Dentalfirmen.

Mitte Februar dieses Jahres sollte die Reise ins ferne Afrika dann beginnen. Mit insgesamt 120 kg Gepäck flogen wir los ins Abenteuer, voller Erwartungen, was uns in den kommenden sechs Wochen wohl widerfahren werde.

Nach insgesamt 16 Stunden Flug über Dubai, kamen wir am Flughafen in Entebbe an, wo wir nach der Sicherheitskontrolle von John abgeholt wurden. Dieser leitet zusammen mit seiner Frau Abi eine Primary School, die Rock Foundation School, etwa 30 km vom Flughafen entfernt. Dort lernten wir dann auch unsere Begleiter für die nächsten zwei Wochen, vier Zahnmedizinstudenten der Uni Göttingen, kennen. Abi begrüßte uns herzlich auf afrikanische Art mit einem leckeren traditionellen Essen. So lernten wir direkt am ersten Tag das Traditionsgericht Matooke, einen Kochbananenbrei und Chapati, eine Art Fladenbrot, kennen. Am Abend packten wir dann all unser Equipment zusammen, welches der Verein sicher in der RFS lagern kann; denn schon am nächsten Morgen sollte die Reise zur ersten geplanten Station im Osten des Landes nahe Tororo losgehen.

Schon früh holten uns Sabina und Lazarus, zwei Studenten, ab und wir fuhren 250 km mit dem Van Richtung Osten. Auf dem Weg machten wir Halt in der Hauptstadt, um uns Sim- Karten für unsere Handys zu besorgen, um unsere Freunde und Familien zuhause zu beruhigen und Euros und Dollars in Uganda-Schilling einzuwechseln. Sehr schnell wurde uns
bewusst, dass der Stadtverkehr vollkommen anders geregelt wird als in Deutschland; überall fuhren Boda-Bodas (Motorrad-Taxis), die Menschen gingen zu Fuß über die Hauptstraßen, die Überholaktionen waren wagemutig und das Wort ‚traffic jam‘ bekam eine völlig neue Bedeutung. Doch durch das langsame Vorankommen nutzten wir alle die Zeit, um die Umgebung und Menschen vollkommen in uns aufzusaugen und uns mit dem Gedanken anzufreunden, jetzt wirklich in Afrika angekommen zu sein. Frohen Mutes schauten wir auf die nächsten sechs Wochen.

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Nach einer Fahrt von etwa 11 Stunden kamen wir dann abends in der Dunkelheit ohne zu sehen, wo wir ungefähr gelandet waren, in Amor Village nahe Tororo an, wo wir von ganzen Herzen willkommen geheißen worden sind. Ohne fließendes Wasser duschten wir uns mit Regen- und Brunnenwasser aus Eimern und gingen erschöpft und zufrieden in unser gemütliches Bett. Am nächsten Morgen wachten wir auf und sahen das erste Mal richtig, wo wir nun für die nächsten 20 Tage untergekommen sind. Nach einem liebevollen Frühstück entdeckten wir unseren zukünftigen Behandlungsraum in der Portland School, einer Nursery und Primary School mit etwa 250 Schülern, wovon etwa 40 Kinder in der Boarding School, also im Internat, untergebracht sind. Da es eine private Schule ist, werden alle Schüler hier durch Patenschaften über die von Beatrice gegründete Organisation PCE Foundation gesponsert. Beatrice unterstützte uns in allen Bereichen; sie konnte durch jahrelangen Aufenthalt und Studium in den USA sehr gutes Englisch und half uns überall und jederzeit.

Zur Behandlung standen uns einige Plastikstühle, Tische, sowie die Betten des Krankenzimmers zur Verfügung, Nach Schaffen eines Gesamtüberblickes über alle Spendenmaterialien haben wir uns schnell unser improvisiertes Behandlungszimmer eingerichtet, sodass wir bereits am ersten Tag alle Schüler und Lehrer screenen konnten.
Zuerst stellten wir uns in jeder Klasse einmal vor und im Anschluss kamen die Kinder für ein Check-up vorbei, bei dem jeder eine Zahnbürste von uns bekam. Bei der Übersetzung und der Führung von Listen unterstützte uns dabei Catherine, eine Medizinstudentin, die, ebenfalls durch Beatrices Unterstützung, Sponsoring für ihr Studium in der Hauptstadt bekommt. Die Gebisssituation der Kinder überraschte uns dabei im Großen und Ganzen sehr. Und zwar zum Positiven. Von anderen, die bereits eine Auslandsfamulatur absolviert hatten, waren wir bereits von der schlechten Zahngesundheit vorgewarnt worden. Doch hier, in einer der ärmsten Regionen Ugandas, kannten die Kinder kaum Zucker, sodass weniger kariöse Läsionen als erwartet zu finden waren. So verbrachten wir die ersten Behandlungstage mit Prophylaxemaßnahmen und Mundhygieneschulungen und begannen erst danach mit den notwenigen Füllungen und Extraktionen. Auch die Eltern der Kinder, die behandelt werden mussten, kamen einen Nachmittag versammelt zu uns, sodass wir ihnen die Zahnputztechnik demonstrieren konnten und ihnen die Wichtigkeit und Notwendigkeit
des Zähneputzens bewusst vermittelten. Viele hatten zuvor noch nie eine Zahnbürste verwendet und schienen überglücklich an diesem Tag etwas gelernt zu haben. Am Wochenende kamen dann viele Dorfbewohner und die gesamte Schule zusammen, um eine Willkommensfeier für uns zu veranstalten, wo wir einerseits durch Tänze und Gesänge von Jung und Alt empfangen worden aber andererseits erneut Zahnputzdemonstrationen durchführten. Diesen Tag, das Strahlen in den Augen und das Lachen der Menschen werden wir wohl für immer in unseren Herzen tragen. Jetzt waren wir voll und ganz in Afrika angekommen.

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Einige Tage nach unserer Ankunft machten wir uns gemeinsam mit Beatrice auf, um einen Nachmittag mit ihr durch die umliegenden Dörfer zu spazieren, damit sie uns die Menschen und ihre Geschichten näherbringen könne. Schnell wurde uns klar, dass die Realität hier wirklich so ist, wie wir es sonst nur aus Fernseher oder Büchern kannten. Wir bekamen vor Augen, was wahre Armut bedeutet. Viele Frauen ziehen ihre Kinder komplett alleine groß, die älteren Geschwister kümmern sich um ihre kleinen Geschwister und die Männer sind irgendwo auf den Straßen und vertrinken das bisschen Geld, das die Frauen durch die Ernte auf eigenen Feldern eingenommen haben. So fehlt es nicht nur an Essen, sondern auch an Kleidung und vor allem an Wohnkomfort. Ein Blick in die kleinen Lehmhütten genügte, um zu
sehen, was die Menschen hier besaßen. Nichts. Man schläft mit seinen vielen Kindern einfach auf dem harten Lehmboden. Wasser holt man sich von dem etwa 20 Gehminuten entfernten Quellbrunnen. Nur eine Minderheit der Kinder hat die Möglichkeit die private Portland School zu besuchen und dadurch voraussichtlich eine andere Zukunft ermöglicht zu bekommen. Doch gerade diese armen Menschen begrüßten uns umso herzlicher und liebevoller und segneten uns mit netten Worten und warmen Blicken.

In den nächsten Tagen behandelten wir von morgens bis nachmittags die Kinder und abends nahmen Erwachsene aus den umliegenden Dörfern unsere Behandlung in Anspruch. Von ihnen wurden wir mit unglaublicher Dankbarkeit überschüttet und viele kleideten sich extra für uns mit ihren wertvollsten und schönsten Kleidern ein.

Auch an den Tagen, als die Regenzeit begonnen hatte und die Stromversorgung nur durch Solarenergie gewährleistet war, konnten wir dennoch dank unserer akkubetriebenen Motoreinheiten und Lupenbrillenlichter auch ohne Strom problemlos bis in die Dämmerung behandeln. Dass die (zahn-)medizinische Versorgung in Uganda sehr unterentwickelt und für die arme Gegend unerschwinglich ist, zeigte sich an der riesigen Nachfrage. Vor allem, nachdem wir im Sonntagsgottesdienst eine Putzdemonstration durchgeführt hatten, stieg das Patientenaufkommen an, weil nun die meisten davon wussten, dass wir vor Ort sind.

Bei unseren Aktivitäten stand uns Frau Dr. Wagner von den „Dental Volunteers“ tatkräftig als Supervisor zur Seite. Sie zeigte uns die richtigen Handgriffe bei schwierigen Extraktionen, half komplizierte Situationen zu meistern und stand bei Rückfragen zur Verfügung. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an sie!

Als wir alle Kinder der Portland School behandelt hatten, fuhren wir zu einer öffentlichen Schule im nächsten Dorf. Dort wurde uns die harte Realität des Bildungssystems in Uganda bewusst gemacht: In der Mädchenschule Kisoko Girls waren insgesamt 1300 Schülerinnen in sieben Klassen, sodass in manchen Klassen etwa 300 Kinder in viel zu kleinen Klassenräumen ‚lernten‘. Eine Schulregel lautete: “Education is the key to success”. Eine durchaus richtige Aussage. Wir waren schockiert und fragten uns, wie ein Kind unter diesen Umständen lernen soll und kann. Die Public Schools sind in Uganda kostenfrei und nur die reichen oder gesponsorten Kinder können sich eine Privatschule leisten. Trotz Schulpflicht bleiben viele vom Unterricht fern. So erzählten uns die Mädchen, das viele gar nicht in die Schule kommen können, weil sie auf kleinere Geschwister aufpassen müssen oder gar selbst im jungen Alter schon Mütter sind. Außerdem kommen die meisten, ohne etwas gegessen zu haben, früh morgens in die Schule, haben kein Geld für ein Mittagessen dort und gehen abends ausgehungert nach Hause, in der Hoffnung, dass sie dort vielleicht etwas bekommen werden. Wie soll man sich da nur konzentrieren?

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Nachdem wir innerhalb eines Tages in der ganzen Schule Putzdemonstrationen gemacht hatten und jedes Kind gescreent hatten, erstellten wir Listen, wann welches Mädchen in den kommenden Tagen zu uns in Behandlung kommen sollte. Diesbezüglich wurden wir schnell von der ugandischen Zeitrechnung eingeholt und unsere deutsche Pünktlichkeit und Organisation mit exakten Terminvergaben wurde in den Schatten gestellt. Hier in Afrika tickten die Uhren einfach anders. Dennoch hatten wir letztendlich vor unserer Abreise jedes Mädchen mit Behandlungsbedarf behandeln können. Als unser Aufenthalt in Portland zu Ende ging, machten wir ein Abschiedsfest mit allen Internatskindern mit gemeinsamen Essen, Spielen und Tänzen. In solchen Momenten wurde uns besonders deutlich, wie viel Kraft und Lebensfreude die Menschen und insbesondere die Kinder hier ausstrahlen und wie viel Begeisterung und Leidenschaft sie in sich haben, obwohl sie sonst Nichts haben. Mit einigen vergossenen Tränen, der Wehmut, nicht noch mehr Patienten in der kurzen Zeit geholfen zu haben und Abschiedsschmerz und einigen neuen Bekanntschaften war es nun an der Zeit, dass die Reise für uns weiter Richtung Westen gehen sollte.

Erneut über Kampala fuhren wir auf einer Straße aus rotem Sand durch begrünte Berge, wo weder Dörfer oder gar Städte zu sehen waren. Soweit wir blicken konnten, nur unberührte Natur! Nach vier Stunden Fahrt kamen wir alle ordentlich durchgeschüttelt tatsächlich mitten im Nichts an.

In dem kleinen Dorf Buseesa im Kibaale District hatte vor 20 Jahren die Ordensgemeinschaft „Sisters of Notre Dame“ die St. Julie Model and Primary School gegründet, die wir als nächstes besuchen wollten. Die deutsche Schwester Bernarde, die Schulleiterin von St. Julie, war, bevor sie nach Uganda ausgewandert ist, Schulleiterin an Danas  Gymnasium in Deutschland, wodurch wir bereits im Voraus Kontakt zu ihr hatten. Die Schule und das sich direkt daneben befindliche Kloster waren viel größer als wir gedacht hatten und wir wurden gleich von den Schwestern wärmstens in Empfang genommen. Übernachtet haben wir in zwei Zimmern im Teacher House, wo alle Lehrer während der Schulzeit wohnen. Schon am nächsten Morgen richteten wir unser Behandlungszimmer im Gemeinschaftsraum im
Teacher House, ein und begannen mit dem Screening der Schüler und Schülerinnen. Dabei wurden wir auch diesmal, leider jedoch negativ, überrascht. Vor allem in der Secondary School gab es sehr viele Kinder mit großem  Behandlungsbedarf. Die Molaren hatten oft schon tiefe Fissurenkaries und bei vielen Kindern waren die Zähne komplett zerstört, sodass es keine andere Möglichkeit als deren Extraktion gab. Besonders erschreckend war eine
Situation bei einem fünf-jährigen Jungen, dessen 6-Jahr-Molar schon so sehr zerstört war, dass wir diesen ziehen mussten oder bei einem anderen Jungen Milchzähne, die bis auf die Wurzel komplett weggefault waren. Beim Frühstück am nächsten Morgen fanden wir eine Erklärung für den schlechten Zahnzustand der Kinder der St. Julie School heraus: Tee oder Milch mit sehr viel Zucker darin und die Tatsache, dass die meisten Kinder, wenn überhaupt,
nicht regelmäßig die Zähne putzten. Daraufhin nutzten wir die morgendliche Versammlung der Schüler vor dem Schulgebäude, bei der täglich die Nationalhymne gesungen und gemeinsam gebetet wurde, als Gelegenheit, um zu erklären, wie wichtig Zähneputzen ist, und demonstrierten die passende Zahnputztechnik. Alle Schüler und Schülerinnen lauschten gespannt und kamen hinterher mit ihrer Zahnbürste zu uns, damit wir ihnen sagen konnten,
ob man diese noch verwenden kann. Dabei sortierten wir im Rahmen einer Tauschaktion die ein oder andere Zahnbürste aus und schenkten gegebenenfalls neue, die der Verein „Dental Volunteers“ gesponsert hatte. Damit wir in unseren sieben Tagen Aufenthalt jedes Kind mit Bedarf behandeln konnten, mussten wir zügig arbeiten. Denn wir hatten uns zum Ziel gesetzt, nicht nur die gesamte private St. Julies School, sondern auch die naheliegenden
öffentlichen Schulen St. Peters und St. Andreas zu behandeln. Schlussendlich können wir stolz behaupten, dass wir unser Ziel erreicht haben. Nach einem langen Arbeitstag luden uns die Schwestern abends oft zu sich ins Kloster zu einem gemeinsamen Abendessen ein. Eines Abends wurden wir auch von den Schwesteranwärterinnen eingeladen, die neben dem Kloster wohnten, und uns präsentierten, wie man in ihren Heimatdörfern traditionell tanzt und singt. Es war ein schöner unvergesslicher Abend, an dem die Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit Ugandas uns sehr berührte. Voller Lebensfreude wurde mit uns gemeinsam getanzt und getrommelt.

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Nach einer schönen arbeitsreichen Woche in den Bergen holte uns Twaha, der Leiter unserer Safari-Tour, ab, um mit uns in den Murchison - National Park im Nordwesten des Landes zu fahren. Hier genossen wir die facettenreiche Natur, die Wasserfälle und die atemberaubende Tiervielfalt Ugandas und konnten das Land auch mal von der touristischen Seite aus erleben. Unseren Aufenthalt schlossen wir dann mit einem Tag in der Hauptstadt Kampala ab, bevor wir, mit tausenden Eindrücken reicher, glücklich zurück in die Heimat flogen. Wir sind besonders dankbar für die Vielfalt an neuen Erfahrungen, besonders für das Vertrauen, das uns von den Patienten bei den sehr zahlreichen zahnmedizinischen Behandlungen entgegengebracht wurde und für den Gedanken, dass wir sehr vielen Menschen Schmerzen nehmen und ein schönes Lächeln zurückschenken konnten.

Denn Lachen reinigt die Zähne (Afrikanisches Sprichwort)

Hiermit ein riesengroßes Dankeschön für alles an die Menschen vor Ort und ohnehin an alle Personen, Firmen und Einrichtungen, die uns großzügig bei unserer Famulatur unterstützt haben. Ohne Euch wäre das alles nicht möglich gewesen:

Universitätsklinikum Bonn, American Dental Systems, Straumann, Deutscher Akademischer
Austauschdienst (DAAD), Dental Volunteers e.V., HuFriedy, Heraeus, Kulzer, Voco, Ivoclar
Vivadent, DMG Dental, 3M Espe AG, Schleich und vielen weiteren.

Pia Saßmannshausen, Dana Janßen, Sarah Kobek und Joséfine Kaufner