Famulaturbericht vom 18.12.2018 in Afghanistan

2018: Afghanistan

Von: Yalda Hakim (Uni Köln)
Organisation: Privat, Noman Sadat Klinik Kabul
Zeitraum: 10.08.18 - 10.09.18

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Wir als Zahnmediziner lernen bereits früh selbstständig und eigenverantwortlich zu behandeln. Aus diesem Grund halte ich es für unabdingbar im Rahmen des Studiums den „Blick über den Tellerrand“ zu wagen und die zahnmedizinische Versorgung in anderen Ländern kennenzulernen. 

Im Laufe des neunten Semesters entwickelte ich somit die Idee freiwillig und unentgeltlich im außereuropäischen Ausland zu praktizieren, kurzum eine Famulatur zu absolvieren. 

So begann ich mit der Recherche zu den unterschiedlichsten Zielorten für Famulaturen und entschied mich schnell für das Land Afghanistan. Zwar hat sich die medizinische Versorgung in Afghanistan in den letzten Jahren verbessert, jedoch leiden das Land sowie die Bevölkerung unter den niedrigen Hygienestandards, teuren Behandlungskosten und der teilweise fehlenden Ausstattung. Trotzdem beharrte ich darauf eine Auslandsfamulatur genau in diesem Land zu absolvieren, da mich gerade das Engagement und die Leidenschaft der Zahnmediziner sowie deren Mitarbeiter faszinierte, die trotz der genannten Umstände versuchen zahnmedizinische Behandlungen zu gewährleisten. 

Hinzu kommt, dass ich ursprünglich aus Afghanistan stamme und deshalb mit der Kultur und den Sprachen gut vertraut bin.

Bei der Suche nach Informationen zu universitären Einrichtungen oder auch Famulaturen im Allgemeinen in Afghanistan fiel mir schnell die schlecht funktionierende administrative Struktur auf. Bereits zu diesem Zeitpunkt stellte ich fest, dass es sehr viel Eigeninitiative erfordern wird, um mein Projektvorhaben umzusetzen. Nach langer Suche stieß ich auf verschiedene private Kliniken, die mit zahnmedizinischen Fakultäten zusammenarbeiten und versendete meine ersten Kontaktanfragen. 

Nach einem Monat war es dann soweit: Ich entdeckte in meinem Postfach eine Email von Herrn Dr. Mir Atiqullah Sadat, Direktor der Noman Sadat Klinik. In seiner Email drückte er seine Begeisterung über meine Anfrage zur Absolvierung einer Famulatur in seiner Klinik aus. Er erzählte, dass er selbst bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Erfahrungen mit Auslandsfamulanten gesammelt hätte und er hocherfreut sei auch von mir lernen zu dürfen. Während unseres gesamten Emailverkehrs war Herr Dr. Sadat sehr freundlich. Auf diesem Weg war es mir möglich alle wichtigen Informationen zum Ablauf und zur Organisation der Famulatur in Kabul zu besprechen.

Anfang 2018, circa sechs Monate vor Antritt meine Famulatur, ging es mit den Vorbereitungen erst so richtig los.

Afghanistan ist ein Land, das aufgrund der mehr als 30 Jahre andauernden kriegerischen Konflikten und ethischen Spannungen ständig von Unruhen und Unsicherheiten geprägt ist. Deshalb habe ich es mir ab diesem Zeitpunkt zur Aufgabe gemacht mich regelmäßig über die vom Auswärtigen Amt (AA) veröffentlichten Reisewarnungen zu informieren. Dies erwies sich im Nachhinein als sehr hilfreich sowie sinnvoll, da es allein während meines Aufenthaltes drei Selbstmordanschläge gab. Es besteht außerdem die Möglichkeit sich vor der Abreise in eine sogenannte Krisenvorsorgeliste einzutragen. Dabei handelt es sich um eine elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland.

Darüber hinaus lässt sich auf der Seite des AA auch eine aktuelle Liste mit den für Afghanistan erforderlichen Impfungen finden. Es ist ratsam frühzeitig seinen Hausarzt zu konsultieren und von diesem seinen Impfpass kontrollieren zu lassen sowie sich weitere Informationen zum kontinentalen Klima und die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken einzuholen. Zu den wichtigsten Impfungen gehören folgende: Hepatitis A, Hepatitis B, Poliomyelitis und Typhus.

Frühzeitig sollte man sich auch um seine Flüge kümmern. Als zuverlässige Fluggesellschaften haben sich in den letzten Jahren „Emirates“ und „Turkish Airlines“ erwiesen. Diese sollten sechs bis zwölf Monate im Voraus gebucht werden, da die Flugpreise sehr hoch sind. Unterkünfte dagegen lassen sich auch kurzfristig und kostengünstig vor Ort finden. Da ein Teil meiner Verwandtschaft heute noch in Kabul lebt, habe ich während meines Aufenthaltes in Afghanistan bei meiner Familie gehaust.

Für Reisen nach Afghanistan besteht für deutsche Staatsangehörige eine Visumpflicht. Visa müssen vor der Einreise bei einer afghanischen Auslandsvertretung wie z.B. dem Afghanischen Konsulat in Bonn beantragt werden. Die Kosten für ein solches Visum liegen zwischen 20 und 50 €.

Personen, die keine der afghanischen Amtssprachen (Dari und Paschto) beherrschen, sollten vor Antritt ihrer Reise an einem Sprachkurs teilnehmen und einen Reiseführer einpacken (z.B. „Dari für Afghanistan“, Verlag Kauderwelsch). Viele Afghanen schämen sich für die Kriegszerstörungen in ihrem Land und die negative Berichterstattung in den Medien. Besucher signalisieren mit ein paar Worten auf Dari oder Paschto, dass man Land und Leute ernst nimmt. Wer über ein paar holprige Sprachkenntnisse und den nötigen Schuss Humor verfügt, gewinnt nicht nur einen viel besseren Eindruck von Afghanistan, sondern auch die herzliche Zuneigung der Menschen. Selbstverständlich wird an Schulen und Universitäten auch Englisch gelehrt, jedoch sind die englischen Sprachkenntnisse der Zivilbevölkerung meist rudimentär und eine ordentliche Patientenkommunikation kann auf Englisch nicht gewährleistet werden.

Insgesamt verliefen meine Reisvorbereitungen reibungslos. Neben den erforderlichen Reisedokumenten, meinem Impf- und Versicherungsschutz sowie der Organisation meiner Unterkunft musste ich mich nun nur noch um Spenden von zahnärztlichem Material (Füllmaterial, Zahnbürsten, Zahnarztbesteck usw.) kümmern. Ich schilderte meinen Ausbildern der Universität zu Köln sowie verschiedenen Dentalfirmen mein Vorhaben und erhielt daraufhin sehr viele Spenden, die ich in meinem Gepäck verstaute. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei der Universität zu Köln, der Firma Ultradent Products, Inc. sowie allen anderen Sponsoren für die großzügige Unterstützung, die nicht nur mich, sondern auch die Afghanen vor Ort sehr glücklich gemacht hat.

Am 09.08.2018 war es dann endlich so weit: Am frühen Morgen trat ich meinen Flug von Düsseldorf nach Kabul an und landete nach circa 12 Stunden in Kabul. Vor meinem Ausstieg zog ich mich noch um und legte das traditionelle Gewand namens „Punjabi“ an.

Zwar kleidet sich die afghanische Bevölkerung inzwischen wieder sehr westlich, jedoch ist es wichtig sich möglichst anzupassen und nicht aufzufallen. Wie bereits oben beschrieben ist die Sicherheitslage in Afghanistan prekär, immer wieder kommt es in Afghanistan zu Entführungen ausländischer Staatsangehöriger. Besonders in ländlichen Gebieten besteht ein hohes Risiko, Opfer einer Entführung oder eines Gewaltverbrechens zu werden. 

Nun am Flughafen in Kabul angekommen wartete ich an der Gepäckausgabe auf meine Koffer. Bereits nach kurzer Zeit erhielt ich meine Kleiderkoffer, auf meine Spenden wartete ich jedoch vergeblich. Schnell suchte ich einen Flughafenmitarbeiter auf und schilderte ihm mein Problem. Nach kurzem Verschwinden tauchte dieser wieder auf und berichtete mir, dass er aus Sicherheitsgründen die Spenden nicht rausgeben dürfe, da er nicht wisse worum es sich bei dem Material handeln würde. Daraufhin zeigte ich ihm die Unterlagen des ZAD und DAAD sowie Bescheinigungen der Dentalfirmen vor. Mit einem schelmischen Lächeln und Kopfschütteln gab er mir zu verstehen, dass diese Bescheinigungen zum Rückerwerb meiner Spenden nicht ausreichen würden. Da Korruption und Seilschaften bis heute Afghanistan in allen Bereichen prägen, wusste ich, dass ich entweder Schmiergeld zahlen oder eine offizielle Bescheinigung vom Gesundheitsamt benötigen würde. Letzteres war mit sehr viel mehr Aufwand verbunden, jedoch entschied ich mich für diese Variante, da ich keinen Beitrag zur Korruption leisten wollte. Es verstrichen einige nervenaufreibende Tage bis ich nach Vorlage einer Bescheinigung des afghanischen Gesundheitsamtes diesen mit meinen Spenden verlassen durfte. 

Hupen, der Geruch von Benzin und frischem Brot, eine laute Geräuschkulisse, Menschen und der Hindukusch im Hintergrund: Just in diesem Moment begriff ich, dass ich angekommen war in Kabul, Afghanistan. 

Meinen ersten Arbeitstag begann ich am 10.08.2018 mit etwas Nân (Brot) und Shir Châi (Chai Latte) am frühen Morgen und wurde um acht Uhr am Haus meiner Familie abgeholt. Großzügigerweise stellte mir die Klinik für den gesamten Zeitraum meiner Famulatur einen Fahrer zur Verfügung. Die Klinik war etwa 30 km von meiner Unterkunft entfernt, jedoch benötigten wir aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens an fast allen Tagen circa eineinhalb Stunden Fahrtzeit. 

In der Noman Sadat Klinik angekommen, lernte ich endlich Herrn Dr. Atiqullah persönlich kennen, mit welchem ich bis dato nur Emailverkehr unterhalten hatte. Er begrüßte mich sehr herzlich und führte mich durch die Klinik. Er stellte mich seinem Team vor und wir besprachen letzte organisatorische Angelegenheiten, wie u.a. meine Arbeitszeiten.  

Ebenso wie der Direktor der Klinik waren auch die Studenten sowie Mitarbeiter sehr aufgeschlossen, wissbegierig und besonders freundlich. Mir gefiel, dass wir uns gegenseitig Fragen stellen konnte über unser Curriculum, Behandlungsmethoden oder auch Perspektiven zahnärztlicher Behandlungen in Afghanistan sowie in Deutschland.

Innerhalb meiner Aufenthaltszeit pendelten wir zwischen zwei großen Räumen. Der eine Raum war ein Seminarraum, wo Vorlesungen oder auch Vorträge der Studenten gehalten wurden. Mir wurde die Ehre zuteil auch einen Vortrag halten zu dürfen. Ich entschied mich für das Thema „Zahnextraktionen“. Dabei war es mir wichtig, die Indikationen für eine Extraktion, Komplikationen sowie Techniken zu präsentieren. Im gleichen Zug referierte ich über die zahnärztlich-chirurgischen Instrumente und deren Unterscheidungsmerkmale. 

Im anderen Raum wurden die Behandlungen durchgeführt. Hier gab es drei Behandlungseinheiten. Eine davon wurde mir zwei Mal in der Woche von 9-13 Uhr zur Verfügung gestellt. Während dieser Zeit behandelten wir Patienten verschiedener Altersgruppen. Darunter waren Kinder mit stark zerstörten Zähnen und hohem Kariesbefall, Erwachsene und Rentner mit kariösen Zähnen, Wurzelresten und stark zerstörten Frontzähnen.

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Schnell merkte ich: Der Zustand der Zahnmedizin in Afghanistan ist desolat. Die medizinische Versorgung ist in weiten Landesteilen unzureichend, eine Notfallversorgung mit funktionierender Rettungskette meist nicht existent. Auch in Kabul entspricht die medizinische Versorgung nicht europäischem Standard.

Hinzu kommt, dass Vorsorge- und Aufklärungsprogramme fehlen. Den Menschen ist die wichtige Rolle der Mundhygiene nicht bewusst und auch nicht, dass sie auf die Ernährung zurückzuführen ist. Viele der Patienten haben erst in der Zahnklinik Zahnbürsten, Zahnpasta und Zahnbecher entdeckt. Leiden die Patienten erst einmal an Schmerzen dulden sie diese bis sie nicht mehr auszuhalten sind. Auch ernähren sie sich schlecht, weil sie mit ihren Zähnen kaum kauen können. Sie bestehen darauf sich selbst mit Hausmitteln zu behandeln. So erzählten mir Patienten, dass sie zuvor geviertelte Schmerztabletten in die Kavität einlegen oder Watterollen in Parfüm eintauchen und anschließend auf den schmerzenden Zahn drücken würden, dies wirke nämlich schmerzlindernd und desinfizierend.

Die Einheit selbst hat in der Klinik mehr oder weniger gut funktioniert. Teilweise zog sich die Behandlung aufgrund mangelnder Kommunikation in die Länge oder Patienten sowie Mitarbeiter erschienen unpünktlich. Doch summa summarum hat sie ihren Zweck erfüllt.

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Die Wasserkühlung kam aus einer Wasserflasche, die an der Behandlungseinheit hing. An den anderen Tagen der Woche durfte ich den behandelnden Ärzten bei verschiedenen Eingriffen zusehen sowie assistieren.

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Einmal die Woche durfte ich einen der Ärzte in eine staatliche Zahnklinik begleiten. Der Unterschied zur privaten Klinik war gravierend. Anders als diese profitieren die staatlichen Kliniken nicht von internationaler Unterstützung. Sie leiden vielmehr unter den mangelnden finanziellen Mitteln. Es fehlte an notwendigem Material, wie Absauger oder auch OP-Instrumente.

Die Studenten mussten ihr Studium selbstständig finanzieren und Arbeitsmaterial, wie z.B Füllmaterial, selbst besorgen. Problematisch war außerdem die schlechte Qualifikation und Existenz der Dozentenschaft. Das Studium der Zahnmedizin war hier mehr ein Selbststudium. Es gab kaum Assistenzärzte, die über die Arbeit schauten, Kritik und Lob äußerten. Die Studenten waren vollständig auf sich selbst gestellt. Damit war auch kein Patientenschutz gewährleistet und so ging es beispielsweise bei Zahnextraktionen weniger um den Zahnerhalt, als um die zeitsparende Abarbeitung der Patientenliste. Ein Zustand, der bei uns unvorstellbar ist.

Fazit

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Nach meinem einmonatigen Aufenthalt in Afghanistan habe ich beim Behandeln viele Erfahrungen sammeln können. Ich kann jedem wärmstens empfehlen, den Wunsch nach einer Auslandsfamulatur zu verwirklichen. Auch wenn es zunächst Aufwand bedeutet, lohnt es sich am Ende auf jeden Fall.

Afghanistan ist ein wunderschönes Land, das Vieles zu bieten hat. Es besteht ein sehr großer Bedarf an Hilfe im zahnmedizinischen Bereich. Besonders die in ländlichen Gebieten lebenden Menschen bleibt der zahnmedizinische Zugang oft verwehrt. Ein weiterer Grund sind die hohen Preise für zahnärztliche Behandlungen, die sich kaum jemand leisten kann. In staatlichen Kliniken werden die Kosten zwar teilweise übernommen, jedoch kann es durchaus vorkommen, dass man sich trotz vier bis fünf stündiger Wartezeit am Folgetag erneut anstellen muss.

Wie bereits oben beschrieben sind die Gründe für die schlechte zahnärztliche Versorgung in Afghanistan vielfältig. Während meiner Zeit in Kabul habe ich diese Situation immer wieder reflektiert und aufgrund meiner Beobachtungen eine kleine Vision entwickelt. 

Ich würde gerne gemeinsam mit Verantwortlichen vor Ort Vorsorgeprogramme entwickeln. Ich stelle mir vor, dass Kinder bereits im Vorschulalter ein Mundhygiene-Programm durchlaufen sollten. Dabei sollen sie über das Zähneputzen informiert werden. Daneben sollen Familien kostenlos Zahnbecher, Zahnbürste und Zahnpasta erhalten. Dieses Programm wäre die einfachste Variante der Prävention von Zahnerkrankungen. 

Wir in Europa haben die Möglichkeit eine großartige Bildung zu genießen und von qualifiziertem Lehrpersonal zu lernen. Diesen Vorteil sollten wir nutzen und auch als Lehrkräfte für Studenten und Kollegen aus Ländern, die nicht über dieselben Ausbildungsmöglichkeiten wie wir verfügen zu fungieren und unser Wissen weiterzugeben, sodass in Zukunft mehr Zähne gerettet werden können. Mit viel Geduld und Zeit kann einiges bewirkt werden. 

Wenn also jeder seinen Beitrag leistet, kann die Welt in kleinen, aber messbaren Schritten zum Besseren verändert werden, oder wie es in einem afghanischen Sprichwort heißt „Qatra qatra daryâ meshawad“.